Dankbare Sündenböcke

Können Kunststoffe krank machen? Amerikanische Forscher sind der Meinung ja. Zumindest in Bezug auf Polycarbonat haben sie herausgefunden, dass das Material während der Erhitzung in der Mikrowelle Bisphenol A absondert. Und das führt in einigen Fällen zu gesundheitlichen Schädigungen wie Fettleibigkeit. Irgendwie ist es typisch amerikanisch, dass ausgerechnet ein Stoff dafür mitverantwortlich sein soll, dass die Bürger so dick sind. Anstatt sich auf die Essgewohnheiten zu konzentrieren, werden andere Erklärungen gesucht. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch andere Kunststoffe wie Plexiglas oder Polyester ins Visier der Experten geraten. Nicht nur beim Thema Fettleibigkeit sind sie schließlich willkommene Sündenböcke. Menschen gefällt es nicht, wenn ihr eigenes Verhalten ursächlich für ihre Probleme ist. Bekommt ein Raucher Lungenkrebs, liegt das nicht an seiner Schwäche, sondern an der bösen Tabakindustrie. Versagt die Leber bei einer Person, die jahrelang regelmäßig Alkohol getrunken hat, dann ist nicht der übermäßige Genuss Schuld. Verantwortlich sind allein die Getränkehersteller. Und wenn jemand, der den gesamten Tag vor dem Fernseher liegt, einen zu hohen Cholesterinspiegel hat, schimpft er auf die Unterhaltungsindustrie. In Wirklichkeit sind all diese Erklärungen ein Verschließen der Augen vor der Realität. Die Menschen führen sich selbst hinters Licht. Eigentlich wissen sie, dass sie der Verursacher der Misere sind. Sie wollen es aber nicht wahrhaben. Dann müssten sie ihren Lebensstil schließlich überdenken – was für ein unschöner Gedanke. So schimpfen sie lieber weiter auf die anderen und vergessen dabei, dass der Vergleich hinkt. Experten können die Schuld noch so oft bei Kunststoffen suchen, letztendlich müssen sie zugeben, dass Menschen die Verursacher sind. Schließlich sind sie es, die diese Dinge herstellen.